Magnus Treiber, Philipp Schorch & Clarissa Bluhm

Archivalische Spuren „indigener Informant:innen“

„Anthropology’s interlocutors“ und die Komplexität ethnographischer Wissensbildung

Im Lichte postkolonialer Debatten und Aufarbeitungsinitiativen in der universitären Ethnologie und in ethnologischen Museen stehen „anthropology’s interlocutors“ zunehmend im Fokus fachlichen Interesses. Für die deutschsprachige Ethnologie ist deren Geschichte jedoch noch weitgehend aufzuarbeiten. Spuren „indigener Informant:innen“ finden sich indes in den Nachlässen Erwin Stresemanns (1889–1972) und Bernhard Ankermanns (1859–1943) sowie anderer früher (weißer, ausschließlich männlicher) Ethnologen im Universitätsarchiv der LMU München. Besonders außergewöhnlich ist der Fund zweier Tagebücher von Markus Mailopu, einem Einwohner der (heute indonesischen) Insel Seram, der Stresemann bei dessen austronesischen Sprachstudien als Gewährsmann diente und ihn 1912 nach Deutschland begleitete. In den folgenden Publikationen blieb er als Autor und Mitarbeiter aber unsichtbar. Bemerkenswerterweise verscholl Mailopu 1919 in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun, was sein Beispiel in einen globalen zeitgenössischen Kontext setzt.

In diesem Sinne verfolgen wir archivalische Spuren „indigener Informant:innen“ (visuell, materiell, textuell, kartographisch), um sie in historische und fachhistorische Kontexte einzubetten. Ziel ist es, die Komplexität und Relationalität ethnographischer Wissensproduktion im Kontext der globalen Asymmetrie des kolonialen Projektes beispielhaft aufzuzeigen und so empirisch fundierte Beiträge zu aktuellen Debatten zu leisten.

Kooperationspartnerinnen sind Prof. Dr. Sahana Udupa, Institut für Ethnologie, und Prof. Dr. Dr. Antoinette Maget Dominicé, Institut für Kunstgeschichte, der LMU, sowie PD Dr. Paola Ivanov, Afrika-Kuratorin am Ethnologischen Museum, Staatliche Museen zu Berlin, und Assoc. Prof. Dr. Birgit Bräuchler, Universität Kopenhagen.

Article Image: Die Tagebuchaufzeichnungen zeugen vom Aufenthalt eines indigenen „Informanten“ in Deutschland vor über 100 Jahren. Foto: Clarissa Bluhm. Die Tagebuchaufzeichnungen zeugen vom Aufenthalt eines indigenen „Informanten“ in Deutschland vor über 100 Jahren. Foto: Clarissa Bluhm.
Article Image: Ein Blick ins Magazin des Universitätsarchivs der LMU:
Hier befinden sich heute die Nachlässe aus dem Institut für Ethnologie. Foto: Clarissa Bluhm. Ein Blick ins Magazin des Universitätsarchivs der LMU: Hier befinden sich heute die Nachlässe aus dem Institut für Ethnologie. Foto: Clarissa Bluhm.